General, Personal Challenges, Relationship

Er und sie.

Er betrat das Apartment und schaute sich sofort wild um. Wo war sie bloß? Er konnte sie weder sehen noch hören. Jedes Mal wenn er von der Arbeit kam, durstete es ihn ihn, danach mit ihr zu sprechen, zu lachen, sie einfach anzusehen. Fast jedes einzelne Mal bekam er sie auch tatsächlich zu Gesicht, und das sofort nachdem er die Tür aufmachte. Schon während er seinen Schlüssel im Schlüsselloch drehte, rief er ihren Namen, eigentlich ihren Spitznamen, seinen persönlichen Spitznamen für sie. Nur er nannte sie so.

Und immer war sie sofort da als er ihren Namen rief. Mal schaute sie hinter einem Türrahmen hervor, mal stürmte sie aus dem Schlafzimmer heraus, oder drehte sich um während sie Karotten schnippelte. Jedes Mal war ein breites Lächeln auf ihrem Gesicht wenn sich ihre Blicke trafen. Ein wunderschönes Lächeln. Fast schon zauberhaft oder magisch.

Was er an ihr fand, das wusste er nicht so recht… Sie war anders, irgendwie verstörend anders, täglich zog sie ihn mühelos in ihren Wahn. Sie war übernatürlich optimistisch und teilweise nahezu euphorisch über die kleinsten Dinge. Ihre Lebensfreude und Leidenschaft war wie eine Epidemie.

Immer wenn sie vor ihm stand, schien sie glücklich zu sein, oder zu werden. Er wusste nicht so recht, ob er der Grund für ihre immerwährend gute Laune war, doch er konnte sich auf ihre leuchtende Laune immer verlassen. Es sei denn, er war da.

Wenn er da war, konnte man sich auf absolut nichts mehr verlassen. Dann passierte es auch schonmal, dass sie bitterlich weinte, oder stumm und verlassen in der Ecke saß und leblos die Wand anstarrte. Alles hatte doch so gut mit ihnen angefangen…

Noch nie hatte er eine Frau einen Mann so verehren sehen, so sehr lieben, sich um ihn dermaßen aufopferungsvoll kümmern. Diese Selbstlosigkeit, die sie ihm entgegenbrachte, bereit alle seine skurrilen Wünsche zu erfüllen, war fast schon pervers. Und der Vollidiot schätzte diese wundervolle Frau nicht. Wie konnte er nicht sehen, was für ein Goldstück er dort vor sich hatte, mit aller Liebe in seine Richtung gewandt, einem offenen Herzen, stets mit warmem Essen auf dem Tisch. Die Art wie sie ihn bemutterte war altmodisch und zu viel, und doch wünschte er sich selbst nichts sehnlicher als ebenfalls so viel kostbare Aufmerksamkeit von einer Frau zu bekommen. Wenn er bloß könnte, dann von eben dieser Frau. Diese Wärme war genau das war er brauchte, das wonach er schon immer vergeblich gesucht hatte. Doch die Wärme galt nicht ihm, sondern ihm allein.

Er selbst kam sich vor wie ein unsichtbarer Beobachter, der versuchte so gut wie möglich sein eigenes Leben zu meistern, während er tagein tagaus unmündig und hilflos zuschauen musste, wie diese beiden Menschen dort ihre sogenannte Liebe lebten.

Auch er wollte Liebe, doch nicht so, und nicht um jeden Preis. Sie liebten und vergötterten sich, na ja, sie liebte ihn definitiv mehr als er sie… Und dann stritten sie und alles schien verloren, bis er sie in ihr Schlafzimmer zerrte und sie ein paar Stunden später mit gesenktem Blick, doch lächelnd wieder herauskam. Er selbst war wie ihr Kind, das unter dem Streit und Frust zwischen der Eltern litt und plötzlich mit schlechten Noten nach Hause kam. Nur dass er kein Schüler war, sondern verantwortlich für dreizehn Mitarbeiter in einer angesehenen Firma. Und doch war er nur ein kleiner Junge, der sich nichts sehnlicher wünschte, als das Mädchen seiner Träume aus den Klauen seines Rivalen zu befreien. Aus den Klauen seines Bruders. Seines drei Jahre älteren Bruders. Seines einzigen Bruders.

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